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Liebe Biete: Mich
Von Verena Mayer
Fast fünf Millionen
Deutsche suchen ihren Partner im Internet. Effizientes Anbahnen ersetzt
Romantik - aber wer mit seinen Wünschen auf dem Boden bleibt, hat
tatsächlich Chancen auf ein Happy End
Der Mann, der sich Future
nennt, will wieder etwas von ihr. Sieben E-Mails hat er geschickt, und
das, obwohl sie ihm schon vor längerer Zeit bedeutet hat, dass es keine
Zukunft für sie beide geben wird. Es ist ein dämmriger Nachmittag, Elke
Hofsäß sitzt vor einem kleinen Laptop in ihrer Dachwohnung.
An den Wänden hängen
großflächige Ölbilder, im Wohnzimmer stehen ein Le-Corbusier-Sessel und
ein Gehege mit einem Chinchilla. Ein Hündchen sitzt unter dem Tisch, vor
dem Haus steht ein Mercedes-Cabrio aus den siebziger Jahren. Elke Hofsäß
klickt Future an. Hallo, schade, ich habe keine Antwort von Dir, steht
in der ersten Mail. Hallo, schade, ich habe noch immer keine Antwort von
Dir, in der nächsten. Elke Hofsäß löscht die anderen, ohne sie zu lesen.
Elke Hofsäß ist 39 Jahre alt und sucht einen Mann im Internet.
Elke Hofsäß loggt sich
täglich ein. Name: Sugar, Passwort: Barbarella. Sie lässt die Liste der
Männer über den Bildschirm laufen, die ihr geschrieben haben. Phil zum
Beispiel, der Investmentbanker mit dem teuren Anzug und den schlechten
Manieren, der ihr beim ersten Treffen in der Kneipe an den Rock gegangen
ist. Sie klickt Phil weg. Elke Hofsäß ist offen für vieles, aber nicht
alles ist gut genug für sie. Morpheus sieht nett aus. Er hat ein Foto
geschickt, in Schwarzweiß, ein dandyhafter junger Mann sitzt im Fond
eines Londoner Taxis. Bin inspiriert von Deinen Gedanken und Träumen ...
Hat mich unter anderem angesprochen, dass du Kaffee magst. Du bist
sicher zu sehr im Stress, um mit mir einen zu trinken. Oder?? P.S.
Trinkst du Deinen Kaffee mit sugar, kalt oder warm? Elke Hofsäß lehnt
sich zurück und blickt über die Dächer. Die Welt scheint keine Grenzen
zu haben hier oben.
Als Mathias Böhm die Liebe
seines Lebens fand, waren ihm klare Grenzen gesetzt. Er hatte 55 000
Euro Schulden und keine Arbeit. Früher besaß er eine Firma, gemeinsam
mit einem Bekannten. Hausmeisterarbeiten haben sie gemacht, eines Tages
räumte sein Partner den Firmentresor aus und setzte sich in die Türkei
ab. Mathias Böhm haftete für den Schaden. Und dennoch sei er noch nie im
Leben so glücklich gewesen, sagt er. Im August habe er die Richtige
kennen gelernt, wenig später ist er von Hamburg zu ihr nach Brandenburg
gezogen.
Drei Zimmer haben
Mathias Böhm und seine Lebensgefährtin Marita Wenisch. Bis auf den
letzten Winkel ist alles darauf ausgerichtet, das, was die Umgebung
nicht zu bieten hat, durch Gemütlichkeit in den eigenen vier Wänden
auszugleichen. In einem Zimmer hängt ein riesiges Puzzle. Es zeigt
einen Sonnenuntergang am Strand. Marita Wenisch hat es
zusammengesetzt. 33 Jahre alt ist sie, von Beruf Verkäuferin in
einem Teppichladen. Still und aufrecht sitzen sie nebeneinander, so,
als hätten sie an ihrer bloßen Anwesenheit schon genug. Sie sind
eines dieser Paare, die eine Woche zusammen sein könnten oder zehn
Jahre, die genügsame Zufriedenheit, die sie ausstrahlen, würde
dieselbe sein.
Marita Wenisch und Mathias
Böhm haben sich im Internet kennen gelernt, in einem dieser
Kontaktforen, wie sie seit einiger Zeit an allen Ecken und Enden im
Internet entstehen. Online-Dating, Single Site, Partnerbörse oder
Online-Partneragentur heißen die Seiten, es sind keine herkömmlichen
Chats, sondern Dienste, die im Monat zwischen fünf und 25 Euro kosten.
Auf der ersten Seite steht so etwas wie Ich bin. Darunter heißt es: Ich
suche, und nun kann man nicht nur einen Mann oder eine Frau wählen,
sondern auch das Alter, das Land und die Region. Per Profisuche oder
erweiterter Suche darf man noch präzisere Vorstellungen eingeben.
Hautfarbe, Hobbys, Sternzeichen, Beruf? Haare blond oder braun? Raucher
oder Nichtraucher?
Welche Figur soll er oder
sie haben, normal, athletisch oder ein paar Kilos zu viel? Vegetarier,
Veganer, keines von beiden? Konfession von A wie Adventist bis W wie
Wiccan? Kinder ja, nein oder egal?
Nicht weniger detailliert
ist das, was man von sich selber preisgeben muss: Familienstand,
Ausbildung, Aussehen und Hobbys, Musikgeschmack oder Einkommen, manchmal
werden wie bei einem zweitklassigen Vorstellungsgespräch die fünf
Eigenschaften abgefragt, die am ehesten auf Sie zutreffen. Am Ende hat
man ein Profil von sich angelegt und ist, je nach Dienst, als PSBNN7FF
oder Holger1967 im System eingespeist, meist auch mit Foto, weil
irgendwo steht: 100 Mal höhere Kontaktchancen mit Bild! Gestiftete Ehen,
Paare, die sich über eine Kontaktanzeige kennen gelernt haben, hat es
immer gegeben. Noch nie aber war die Partnerwahl ähnlich technisiert.
An die 2500
deutschsprachige Seiten zur Kontaktsuche finden sich im Internet.
Das Internet ist nicht nur
längst salonfähig, es soll nach dem Arbeitsplatz und dem Freundeskreis
sogar der wichtigste Ort sein, an dem man jemanden kennen lernt. Etwa
4,6 Millionen Leute nutzen in Deutschland Online-Kontaktforen, kaum ein
Bereich im Internet wächst derzeit so stark.
Über den Dächern vor Elke
Hofsäß' Fenster wird es dunkel. Morpheus ergreift die Initiative: Möchte
mir jetzt nicht auf die Schulter klopfen, aber ich würde gern mit dir
ausgehen. Ich glaube, es könnte lustig sein, ein Kaffee-Wetttrinken zu
veranstalten. Elke Hofsäß schließt die Mail und beginnt, durch die
Kontaktbörse zu surfen. Einem Architekten, der mehr von ihr erfahren
will, schreibt sie zurück, dass sie die Kathedrale in Palma de Mallorca
toll finde, so etwas aber leider nicht mehr gebaut werde. Sie bleibt
beim Foto einer Frau hängen. Die Frau schreibt in den Angaben über sich,
dass sie eine leidenschaftliche Fliegerin sei. Tolles Profil, tippt Elke
Hofsäß, das Fliegen sei auch ein Traum von ihr.
Elke Hofsäß ist eine
dieser Großstädterinnen, die im Leben schon alles einmal gemacht haben.
Sie hat studiert, im Berliner Club 90ø als Barfrau gearbeitet, sie hat
in Florida gelebt, ein Restaurant namens Filou geleitet und als Model
für La Perla gearbeitet, sie hat Werbung gemacht, Events organisiert und
angefangen, ein Buch zu schreiben. Sie war sieben Jahre lang verheiratet
und hat einmal kurz mit einer Frau zusammengelebt. Seit den Neunzigern
ist sie als Sugar in Chats und Kontaktforen aktiv.
Einmal hat sie im Internet
einen Politiker kennen gelernt. Den Namen des Politikers will sie nicht
nennen, habe der Betreffende doch geschrieben, es wäre wunderbar, auf
eine Frau zu treffen, die neben Schönheit und Intelligenz auch Charakter
besitzt. (Sorry, ich weiß, wovon ich rede.) Elke Hofsäß hat ihn auch
getroffen, in einer Kneipe. Vorher sollte sie ihren Personalausweis in
den Bundestag faxen. Sie erzählt solche Dinge mit einer lachenden
Beiläufigkeit, so, als stammte das, was sie erlebt hat, aus einer
Fernsehserie. Sie ist groß und schlank, sie trägt ein rosa T-Shirt und
Jeans mit einem weißen Gürtel. Die langen schwarzen Haare sind oben am
Kopf zu einem Nest aufgetürmt, das gibt ihr etwas von Audrey Hepburn.
Elke Hofsäß sagt, dass es ihr auf Spaß und Freude ankomme. In einer
Partnerbörse hat sie in die Zeile, was ihr wichtig sei, Guter Sex
geschrieben. Elke Hofsäß hat das Internet in ihren Alltag integriert,
als Ausweitung der Spielfläche ihres Lebens. Hach, schreibt sie der Frau
mit dem Traum vom Fliegen. Da finde ich Dein Profil schön und bekomme
keine Antwort!
Singles sind kein neues
Phänomen. So hat sich in diesem Jahrhundert der Anteil der
Alleinstehenden, also Ledigen, eines Geburtsjahrganges so gut wie nicht
verändert, er liegt bei etwa zehn Prozent. Die Zahl der Singles ist im
letzten Jahrhundert nur leicht gestiegen, wenn man Haushalte, Ehe- oder
Scheidungszahlen betrachtet. Verändert haben sich im Laufe der Jahre die
Gründe, warum jemand alleine blieb. Das Erstgeborenenrecht etwa - für
jüngere Brüder, die nichts erbten, bedeutete das häufig, ehelos zu
bleiben. Viele junge Männer lebten allein, da sie nicht über die
finanziellen Mittel verfügten, um eine Familie zu gründen. Die Frauen
heirateten früh ältere Männer und wurden nicht selten in jungen Jahren
Witwen. Gesindeleuten, Lehrlingen und Gesellen war die Ehe überhaupt
verboten.
Als die Industrialisierung
einsetzte, verlor die Familie ihre Funktion als die Arbeits- und
Wirtschaftsgemeinschaft, die sie lange Zeit gewesen war. Die romantische
Liebe wurde als Grundlage für Beziehungen entdeckt. Heute ist die Liebe
eine der letzten großen Utopien. In der westlichen Welt hat sie Ende des
19., Anfang des 20. Jahrhunderts die Religion als Wertesystem abgelöst.
Die große Liebe wurde zu
einem Wert an sich, als Ausdruck persönlichen Glücks ist sie ein
unangezweifeltes Ideal wie der Arbeitsplatz auf Lebenszeit.
Gezielt übertragen
Kontaktbörsen die Mechanismen des Arbeitsmarktes auf den Heiratsmarkt.
Um die große Liebe kann man sich bemühen wie um einen Traumjob.
Man wird genommen oder
auch nicht, aber wie erfolgreich man ist, liegt in der Hand des
Einzelnen.
Deshalb dachte sich auch
die Lehrerin Marie Schneider (Name geändert), dass eine Partnerbörse das
Richtige für sie sei. Marie Schneider ist 40 Jahre alt, sie unterrichtet
Französisch und Sport an einem Gymnasium. Sie ist groß und athletisch,
mit einem offenen Gesicht und brünettem Haar, das sie immer wieder mit
einer schnellen Bewegung zurückwirft. Klarheit ist das Erste, was einem
an ihr auffällt. In allem, was sie sagt, klingt etwas Absolutes durch.
Die Stadt in der Nähe von
Göttingen, in der sie lebt, ist klein und überschaubar. Zwar spielt
Marie Schneider Handball, sie geht ins Kino, aber wenn sie abends nach
Hause kommt, sieht sie noch die Lichter vom Bahnhof, sonst ist es dunkel
und kein Mensch auf der Straße.
838 958 Singles zum Lieben
und Leben leuchtete dagegen auf, als Marie Schneider ins Internet ging.
Oder: 6 529 404 eingeschriebene Singles, davon 13 799 momentan online!
Der Heiratsmarkt ist ein Markt wie jeder andere.
Wenn man annimmt, dass in
der modernen Marktwirtschaft Gewinnsteigerung vor allem eine Frage der
Logistik ist, dann wirken Kontaktbörsen wie die Perfektion der Logistik
des privaten Glücks. Innerhalb von Sekunden filtert man und wird aus
Millionen gefiltert. Man kann den idealen Menschen eingeben und wird in
kürzester Zeit einen Treffer bekommen.
Marie Schneider meldete
sich an. Seit drei Jahren war sie damals allein. Sie hat noch nie mit
jemandem zusammengelebt, aber es hatte einen wichtigen Mann in ihrem
Leben gegeben. Er war 17 Jahre älter als sie, ihr Lehrer für Französisch
und Englisch. Sie wurden noch zu Marie Schneiders Schulzeit ein Paar.
Mit der Beziehung ging es hin und her. Er spielte den geistigen
Ziehvater, sie dachte, sie muss es ihm zeigen. Sie trennten sich und
versuchten es wieder, zweimal beschlossen sie zu heiraten. Über einen
Zeitraum von 20 Jahren gab Marie Schneider die Beziehung nicht verloren,
so wie sie ungern Dinge verloren gibt. So wie man auch im Sport einen
Wettlauf nicht vor dem Ziel abbricht, und als Sportlerin hat sie sich
immer gesehen.
Einen Abend lang saß Marie
Schneider in ihrem Arbeitszimmer vor dem Computer, um für ihr Profil die
Rubrik Ich über mich auszufüllen. Sie versuchte, heiter, witzig und
selbstironisch zu sein. Sie definierte, wann ein Tag für sie perfekt
sei, nämlich, wenn meine lieben Kleinen mich nicht zum Mond schicken,
wenn ihnen eine Fee drei Wünsche freigegeben hat. In die Zeile, was ihr
wichtig sei, gab sie ein: Selbstbewusstsein, mit Distanz zu sich selbst.
Es gefiel Marie Schneider, dass sie die Dinge nun selbst in die Hand
nehmen würde, dass die Liebe nicht länger etwas sein müsste, das man
Zufällen überlässt. Dass es im Internet mit der Liebe manchmal schwerer
ist als im Leben, ahnte Marie Schneider noch nicht.
Es gibt im Internet kein
zwischenmenschliches Verhalten, das man einfordern könnte. Man reagiert
oder auch nicht. Man lässt sich auf jemanden ein, und im nächsten
Augenblick ist man wieder weg. Will der andere wissen, was los ist, kann
man ihn mit einem Klick blocken, genau wie Spam-Mails.
Hallo ..., sehr verehrte
Frau ..., begann eine der ersten Mails, die Marie Schneider erhielt. Es
folgten Gedanken und Gedichte. Gemeinsam stiegen sie auf / Glutstropfen
der Verschmelzung lösten sich und perlten herab / aufgefangen von den
Nebelwesen der Nacht / getragen in Eiskristallschleiern / als Hoffnung
für den neuen Tag / einer neu beginnenden einzigartigen Liebe / eine
Seele, die die Liebe sucht ... von mir. Am Ende war Mein beruflicher
Werdegang aufgelistet, eine Seite Zertifikate, Diplome und Praktika. Sie
konnte nichts damit anfangen. Auch hatte sie das Gefühl, der Text sei
schon an andere Frauen verschickt worden. Sie ließ ihn liegen. Am
nächsten Tag schrieb sie ein paar Zeilen zurück, so wie sie auf alle
Mails etwas Kurzes zurück schrieb.
Das Internet ist ein
kontextfreier Raum. Wenn man in eine Kneipe geht oder eingeladen wird,
kennt man das Umfeld, in dem man sich bewegen wird. Wenn man ins
Internet geht, um Leute zu treffen, ist man mit Kolonnen aus Buchstaben
und Zahlen konfrontiert und mit unzähligen Fotos von Unbekannten. Man
muss schnell und nach dem ersten Eindruck entscheiden, nach der Krawatte
auf dem Foto oder Rechtschreibfehlern in den Texten. Im Internet zählt
die Präsentation, ob es um Autos geht, um Secondhandwaren oder um die
Liebe.
Marie Schneider fiel es
schwer, die vielen Leute auseinander zu halten, und sie ertappte sich,
wie sie es allen recht machen wollte. Erst nach und nach kristallisierte
sich ein Kontakt heraus, zu einem Selbstständigen aus Hessen.
Sie telefonierten über
einige Wochen. Marie Schneider fühlte sich angezogen von der tiefen,
voluminösen Stimme. Eines Tages beschlossen sie, sich zu sehen, Marie
Schneider lud den Mann zum Frühstück ein.
Die Geschichte, wie
Mathias Böhm, der arbeitsuchende Unternehmer, unter unzähligen Profilen
seine Frau Marita Wenisch gefunden hat, hat sich zu einer dieser
besonderen Anekdoten verdichtet. Er, Mathias Böhm, habe gerade den
Computer herunterfahren wollen, aber dann doch noch einmal das Internet
angemacht. Just in dem Moment habe es geblinkt und eine Mail sei
gekommen - von Marita Wenisch. Für ihn war es Schicksal, war es wie ein
Stern, der einem plötzlich den Weg unter vielen Wegen weist.
Am Anfang hat der 38 Jahre
alte Mathias Böhm noch selbst versucht, sich zu orientieren. Namen wie
Blonde Maus, Sunshinemaus oder Sexy Maus habe er erst gar nicht
angeklickt. Das seien die, die es nicht ernst meinen, glaubt Mathias
Böhm, wahrscheinlich sogar Professionelle, die ihre Dienste anbieten. Am
Bildschirm könne man vieles auf den ersten Blick erkennen, sagt Mathias
Böhm. Sabine46 oder Manu1966 ließen auf das Alter schließen, Fraggles
oder irlandfan auf Interessen. Wie alles im World Wide Web bilden
Kontaktforen die Welt ab, in der sie entstehen. Da und dort gibt es ein
paar Abgründe, hier und da ein paar Leute, die außer dem Internet nichts
haben. Aber der große Rest ist ein Spiegel des normalen, biederen
Lebens.
Zweimal hat Mathias Böhm
geheiratet, das erste Mal mit neunzehn. Ein Kind kam, dann wurde die Ehe
geschieden. Er hat noch einmal geheiratet, sein zweites Kind wurde
geboren. Die Kinder haben inzwischen andere Väter. Mathias Böhm hat
zugestimmt, dass sie von den neuen Lebensgefährten der Frauen adoptiert
werden. In Hamburg hatte er eine Freundin, der er einen Heiratsantrag
machte. Doch die Beziehung zerschlug sich, Mathias Böhm suchte Kontakt
in Partnerbörsen. Er gehört zu den Menschen, die ihren Wunsch nach
Harmonie erfüllt sehen, sobald sie mit jemandem unter einem Dach
zusammenleben.
Marie Schneider, die
sportliche Lehrerin, hatte Schinken, Käse, Melone und Kuchen gekauft und
deckte den Tisch für das erste Treffen. Es war ihre Entscheidung
gewesen, den Mann aus Hessen zu sich einzuladen, sie wollte das Gefühl
haben, die Dinge selbst zu bestimmen. Der Mann brachte Riesling und eine
Tüte Katjes mit. Er sagte, das habe er ausgesucht, weil Marie Schneider
geschrieben hatte, sie möge Lakritz so gern. Sie redeten eine ganze
Weile über den Riesling und die Katjes, sie hatten beide keine Routine
mit solchen Treffen. Dann gingen sie in der Stadt spazieren und setzten
sich auf eine Wiese. Der Mann sagte Marie Schneider, dass sie schöne
Hände habe und dass er überrascht sei, wie sehr sie ihm gefalle. Nachdem
er sie abends nach Hause gebracht hatte, kam er noch einmal die Treppe
hoch gelaufen und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Elke Hofsäß, die als Sugar
auf Männersuche durch das Internet surft, macht Licht in ihrer
Dachwohnung und geht weiter durch die Liste der Mails. Eine ist von
Sale, dem 28 Jahren alten Fabrikarbeiter. Elke Hofsäß hatte ihm einmal
geschrieben, aus Spaß, sie kann gar nicht mehr sagen, was. Die Antwort
kam schnell: Wow, ich muss ehrlich sagen, dass ich etwas überrascht bin,
weil ich nicht mit einer Antwort von dir gerechnet hätte!! Das du
einfach mal bezaubernd aussiehst, bekommst du bestimmt täglich zu hören!
Mein Name kommt aus dem Serbischen! Ich heiße Sasa, wird aber Sascha
ausgesprochen! Sale ist so eine Art Kosename in Serbien! Dort nennen
mich die meisten Sale! Ich arbeite im Dreischichtsystem als
Maschinenführer, in einem Unternehmen das Aluminiumpapier herstellt!
Muss auch gleich wieder zur Arbeit, habe die Woche Nachtschicht!
Elke Hofsäß ist dann auch
mit ihm ausgegangen, einfach so, ihr war gerade danach. Er führte sie
ins Café eines Einkaufszentrums aus und hätte wohl mehr gewollt. Aber
dann habe er sie angerufen und gesagt, seine Mutter verbiete ihm den
Kontakt mit einer Frau, die keine Familie gründen will. Elke Hofsäß
kichert, als handle es sich um eine Pointe aus einer Sitcom. Mit dem
Mauszeiger zieht sie enger werdende Kreise auf dem Bildschirm.
Es gibt zwei Arten von
Kontaktbörsen: Partnerportale, bei denen man etwas Festes sucht und nach
einem Persönlichkeitstest vermittelt wird. Dating- oder Flirtforen, in
denen man nach bestimmten Kategorien suchen oder sich in Rubriken wie
Gallery oder Stöbern durch das Spektrum Hunderttausender registrierter
Singles klicken kann. Neu.de ist eine der großen, grellen
Dating-Plattformen. Die Firma hat ihren Sitz in einem unscheinbaren
Neubau in München. 10 000 Mitglieder seien es bei Neu.de am Anfang
gewesen, sagt Geschäftsführer Andreas von Maltzan. Jetzt seien sie bei
500 000 Mitgliedern, die aktiv sind, insgesamt hätten sich seit 2003
mehr als 1,5 Millionen Leute registrieren lassen.
Liebe aus Sicht einer
Partnerbörse ist: Masse, kritische Masse, wie es so schön heißt. Eine
Online-Plattform lebt von der Anzahl der Registrierten. Wer jemanden
sucht, will eine möglichst große Menge vorfinden, und er will, dass
diese Menge ihrerseits aktiv ist. Alle großen Partnerbörsen kooperieren
daher mit großen Medien. Mit Zeitungen, den klassischen Foren für
Kontaktanzeigen.
Mit dem Fernsehen, mit
anderen Internet-Diensten oder mit bekannten Websites.
Und man muss werben. So
wie der Partnersuchende im Kleinen mit Fotos und Text auf sich
aufmerksam machen muss, so ist es auch im Großen. Etwa 20 Millionen Euro
hat Neu.de in den vergangenen zwei Jahren allein für Marketing
ausgegeben.
Schon von der
Firmenkonstruktion her ist die Kontaktbörse auf ihre größtmögliche
Verbreitung angelegt. Die Neu.de GmbH ist ein Joint Venture aus der
Cynobia AG, die Online-Netzwerke für Frauen betreibt, und der Ströer
Gruppe, einem Anbieter von Plakatflächen im öffentlichen Raum. Das
bringt dem Liebeswerben die nötigen Quadratmeter Werbung. Deutschland
ist ein umkämpfter Markt, auf dem sich Anbieter aus Europa und Amerika
drängen. Für zwei bis fünf große Kontaktforen, so wird geschätzt, reicht
das Potenzial. Schnell hat Neu.de expandiert. Nach Österreich, in die
Schweiz, nach Italien, Frankreich, Polen, Spanien, Großbritannien und in
die Türkei. In Form der Kontaktbörse trifft die Liebe auf die
Globalisierung. Es ist nicht mehr nur so, dass mit der Liebe für
Produkte geworben wird. Die Liebe selbst ist das Produkt, das auf der
ganzen Welt und unter denselben Bedingungen wie daheim verfügbar sein
soll.
Wenige Stunden nachdem
sich Marita Wenisch und Mathias Böhm das erste Mal gegenüber gestanden
hatten, waren sie das Paar, das sie bis heute sind. Es war einer der
ersten Tage im September, Böhms Schwester feierte Geburtstag, und
Mathias Böhm lud seine Internet-Bekannte Marita4711 dazu ein. Die beiden
haben sich unterhalten, dann sind sie mit dem Auto auf einen Feldweg
gefahren und haben Sex gehabt. Das ging bei uns so automatisiert, sagt
Marita Wenisch. Sie ist eine Frau, die alles mit demselben
schicksalhaften Gleichmut nimmt, mit dem sie einst das Puzzle vom
Sonnenuntergang und den Palmen am Strand geschafft hat. Sie hat jung
geheiratet, sie hat einen achtjährigen Sohn. Als sie Mathias Böhm kennen
lernte, lebte sie noch bei ihrem Mann, aber sie waren nicht mehr
zusammen. Das Internet und Mathias 1966 kamen ihr gerade recht. Sie war
durcheinander, wegen der Trennung und weil sie kurz zuvor mit dem Auto
eine Motorradfahrerin angefahren hatte. Es war keine Frage für sie, ob
sie zur Geburtsfeier kommen sollte. Sie zog sich schön an, schminkte
sich und fuhr los.
Wer passt am besten zu
wem? Jürgen Schmidt, Psychologe und Lehrbeauftragter an der Universität
Mannheim, hat Datensätze vor sich liegen. Er hat ein wissenschaftliches
Instrument zur elektronischen Partnervermittlung entwickelt, ein so
genanntes Matching-System. 500 Fragen muss der Partnersuchende im
Internet beantworten, zu Bildung, Erwartungen, familiärem Hintergrund,
Lebensmotiven, Äußerlichkeiten. Dann kommt das Matching: Dem Suchenden
werden andere Menschen zugeordnet. Nach Dominanz, nach Interessen, nach
Aspekten der Persönlichkeit. Es braucht dafür sehr leistungsstarke
Computer, früher hätte man Menschen schon rein technisch nicht
miteinander matchen können. Für jede Übereinstimmung gibt es Punkte.
1000 ist die Höchstzahl. Wenn man einen Menschen mit sich selbst matcht,
würden um die 800 Punkte herauskommen, auch das hat Schmidt schon
berechnet.
Am Ende des Matchings
steht nicht etwa ein Treffer - eine Kolonne mit Treffern baut sich auf
dem Bildschirm auf, in absteigender Reihenfolge von 790 bis 576 Punkten,
alles Menschen, die vom System für einen durchgetestet und bis ins
letzte Detail mit einem übereinstimmen, bis hin zum Temperaturempfinden,
zur Lieblingsmusik und zum Ordnungssinn. Aber welcher ist jetzt der
Richtige? Jeder Treffer, der ein Problem lösen soll, wirft ein neues
Problem auf. Kontaktbörsen sind Suchmaschinen. Man bekommt nicht ein
paar Vorschläge wie bei einer Partnervermittlung oder ein paar Dutzend
Briefe wie bei einer Kontaktanzeige. Man erzielt Tausende und
Abertausende Resultate, und das innerhalb von Sekunden. Wie bei einer
Suchmaschine hängt bei einer Partnerbörse der Erfolg davon ab, wie
präzise man definieren kann, wonach man sucht und wie gut man sich im
Vorhinein auf etwas festlegen kann.
Das ist es aber, was man
in der Liebe normalerweise am wenigsten kann und schon gar nicht genau.
Soll man sich nun mit 646
Punkten zufrieden geben oder lieber noch die 790-Punkte-Frau
kontaktieren? Ist das, was Mann Nummer 56 zu bieten hat, interessant
genug, um ihn persönlich zu treffen, oder gibt es in dieser Kolonne
nicht auch noch jemanden, der ein Haus, ein Auto und ein Pferd hat?
Irgendwann starrt man auf
die Liste wie auf ein Supermarktregal mit unendlich vielen Sorten
Jogurt, völlig orientierungslos.
Partnerbörsen sind ein
Paradoxon. Die Vorteile, die sie bieten, sind Masse und Perfektion. Doch
genau diese Dinge sind es, die die Entscheidung erst recht schwer
machen. Wo Masse ist, könnte man etwas versäumen, wenn man sich dem
Erstbesten zuwendet. Wo Perfektion herrscht, könnte man immer noch etwas
Besseres finden. Wenn man im Leben keinen Partner hat, dann ist das,
weil man den Richtigen nicht kennen lernt. Im Internet ist das so, weil
man Tausende Richtige kennen lernen könnte. Am Ende hängt alles wie so
oft von Zufällen ab.
Und davon, wie schnell man
sich entscheidet. Marita Wenisch saß in Pyjama und Schlappen am
Computer, als sie im Internet zufällig auf Mathias Böhm stieß.
Er erzählte ihr von seinen
Schulden, sie schrieb ihm, dass sie sich aus medizinischen Gründen die
Brust habe verkleinern lassen. Irgendwann machte Marita Wenisch ihre
Webcam an und zeigte sich ihrem Gegenüber. So, wie sie gerade dasaß. Als
sei ihr das vorbestimmt. Ich bin mal einfach so waghalsig und vertraue
Dir einfach, ich denke, da mache ich nichts falsch :-
, tippte sie. Die Antwort
kam sofort: nein..
Es folgten einige Minuten
Chat, dann waren die Dinge für Marita Wenisch und Mathias Böhm klar:
(19:51) Mathias: Du darfst
mir vertrauen ...
(19:51) Marita: das ist
schön, freut mich!
(19:52) Mathias: das wird
schon alles werden ... lach
(19:52) Marita: ja, denke
ich auch, wir schaukeln das schon --)
(19:53) Mathias: --)
müssen und wollen wir ... also ich will zumindest
(19:53) Marita: na an mir
soll es auch nicht scheitern! --)
(19:54) Mathias: sehr
schön ... sag, ist es auch so kalt bei Euch
(19:55) Marita: es geht
eigentlich so 20 grad, vorhin war sogar die sonne heraußen
Der Mann aus Hessen hat
Marie Schneider, die 40 Jahre alte Lehrerin für Sport und Französisch,
noch ein zweites Mal besucht. Erst sind sie ewig lang durch die Stadt
gekutscht, um ein Restaurant zu finden, Marie Schneider wurde langsam
klamm. Bei ihrer Vision, sich neu zu verlieben, hätte sie etwas anderes
im Sinn gehabt. Sie dachte, das kann doch jetzt nicht zerplatzen wie
eine Seifenblase, und versuchte, wie es ihre Art ist, zu handeln,
gegenzusteuern. Sie stellte sich vor, der ist doch wie XY. Es half
nichts.
Als sie schließlich beim
Italiener saßen, sagte Marie Schneider dem Mann die Wahrheit. Sie haben
noch ein-, zweimal telefoniert, dann brach der Kontakt ab.
An ihrem Laptop liest Elke
Hofsäß alias Sugar die letzten Nachrichten an diesem Tag. Sie sind von
einem Kripobeamten, einem Anwalt und einem Mann, dessen Motto es ist:
Tagsüber das Leben genießen und nachts arbeiten. Und natürlich von
Morpheus. Elke Hofsäß klickt auf Antworten: Hi, einen schönen Start in
die neue Woche. Ich habe Dich nicht vergessen. Ich habe mir nur eine
kleine Pause genommen, die letzte Zeit war sehr anstrengend. Und ...
Kaffee? Oder leichtes
Thaifood? He, das wünsche ich Dir auch, schreibt Morpheus zurück. Mein
Vorschlag: erst Kaffee ... danach Thaifood und für die Abstände
dazwischen fällt uns auch was ein. Elke Hofsäß findet das frech und
schließt die Mail. Mit dem Politiker, dem sie ihren Personalausweis
faxen sollte, hat es auch nicht geklappt. Er war einfach nicht ihr Typ,
sagt Elke Hofsäß. Sie starrt auf den Bildschirm, auf die Namen der
Männer. Es sind unzählige Möglichkeiten, und wie im Leben wird sie alle
probieren und sich auf keine festlegen wollen.
Sie stützt die Arme auf
und legt den Kopf in die Hände. Eigentlich wolle sie nur jemanden kennen
lernen, sagt Elke Hofsäß. Und eine stinknormale Beziehung führen. Sie
hat aus der Erfahrung mit Kontaktforen inzwischen ihre eigenen Schlüsse
gezogen. Elke Hofsäß hat selbst eine Singlebörse gegründet. Sie hat um
einen Kredit angesucht und mit ein paar Technikern eine Seite gebaut.
Sie ist in den Farben Braun und Orange gehalten und im Design der
siebziger Jahre. Solodue heißt die Seite.
Einen Kontakt hatte Marie
Schneider, die sportliche Lehrerin, noch, zu einem Akademiker aus
Frankfurt. Sie schickte ihm ihr Foto, er antwortete prompt: Du hast ein
wirklich hübsches Gesicht, aber etwas durchschnittlich, das muss ich
leider so brutal sagen. Um die großen Dinge zu überbrücken, wäre
Wahnsinn nötig und zu dem sehe ich mich aufgrund des Fotos nicht in der
Lage. Marie Schneider hat die Mail gelöscht, aber sie kann sie bis heute
auswendig, so wütend war sie. Sie hat schließlich geantwortet.
Feldverweis, rote Karte!, schrieb sie. Sie macht jetzt wieder das, was
sie auch früher getan hat, sie betreibt Sport oder trifft Freunde. Der
Computer wird erst einmal ausgeschaltet bleiben.
Mathias Böhm, der
arbeitsuchende Unternehmer, will demnächst das gemeinsame Heim
verschönern. Er will eine Holzdecke anbringen und gotische Bögen im
Flur. Das Puzzle mit 5000 Teilen, das einen Palmenstrand im
Sonnenuntergang zeigt, hängt jetzt gegenüber dem Bett. Seiner
Kontaktbörse hat Mathias Böhm eine E-Mail geschrieben, dass er die große
Liebe gefunden hat.
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